Was ist Ganzheitlichkeit?

Spricht man in der Pädagogik von Ganzheitlichkeit, ist damit die grösstmögliche Abdeckung der Sinne gemeint. Eine Erinnerung, ein Gegenstand, etwas Erlerntes, soll ein möglichst grosses Synapsen-Netzwerk im Hirn spinnen. „Erkennen ist vor allem Wiedererkennen von Gleichem und Ähnlichem.“ (Martin R. Textor, 2010) Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie dicht das Netz gesponnen ist, sondern auch wie dick die Fäden sind, die es zusammenhalten. Um zu verstehen, wie wichtig Ganzheitlichkeit für das kindliche Hirn ist, muss man sich vor Augen führen, dass das Kind keine Verbindungen zum Vergleich hat – keine Erinnerungen. Das erste Mal, ist das erste Mal. Das erste Mal in eine Zitrone beissen. Das erste, bewusste, Weihnachten. Stellen Sie sich einen Hügel mit einer dicken Schicht Schnee vor. Die ersten Gedanken sind die ersten Schlitten, die diesen Hügel hinunterfahren. Je häufiger ein folgender Schlitten denselben Pfad wählt, verdeutlicht sich die Spur. Und je häufiger eine Wahrnehmung diesen Hügel hinunterfährt, desto bewusster ist sie uns und desto einfacher können wir auf sie zurückgreifen und verwenden.

Ganzheitlichkeit und digitale Medien

An dieser Stelle sei gesagt: Nichts ersetzt das Buch! Aber das macht TV, Tablet, Handy und Videospiele nicht zum schlechten…nunja… Medium. Das Buch, vorgetragen von Mama, mit bunten Bildern, der Geruch vertraut, in einer liebevollen Umgebung. Emotional gesehen ist das der Jackpot für das kindliche Hirn. Das heisst aber nicht, dass Paw Patrol, Ninjago oder auch Fortnite, nichts abgewonnen werden kann. Wichtig ist der Transfer in die Realität und eine ästhetische Auseinandersetzung mit dem Erlebten! Dabei ist es egal wie dieser Transfer stattfindet. Ob im Austausch über die Inhalte, einem Ausmalbild eines Charakters aus der Serie, Basteln eines Turmes oder im späteren Alter die Fortnite Nerf-Gun. Nutzen Sie die Brücken, die der Inhalt anbietet. Geometrie mit Fortnite – ja, das geht. Emotionale Gespräche über Zusammenhalt und Freundschaft, dank Ninjago. Körperlicher Ausgleich dank der Nerf-Gun im Garten – am Besten mit Spielpartner versteht sich. Je nachdem, für was sich ein Kind interessiert, findet man in jeder medialen Ressource einen Inhalt, der für einen Transfer verwendet werden kann. Dies alles nicht zu tun, bedeutet nicht, dass man falsch damit umgeht, es führt nur nicht zur optimalen Ganzheitlichkeit.

...und jeden Tag Sonnenschein

Dauerhaft einen möglichst hohen Grad an Ganzheitlichkeit zu erhalten, ist eine romantische Utopie. Stress, Zeit, Corona, Arbeit… all dies beeinflusst uns. Und wirklich jeden Tag die perfekte, liebevolle Begleitung bei der Gutenachtgeschichte zu sein, ist auch anstrengend. Weil man möchte das Kind beschützen. Später nicht belasten. Ihm nicht das Gefühl geben, es hätte etwas damit zu tun. Es können unmöglich jedes Mal alle, schon existierende, Spuren des Hügels gleichzeitig befahren werden. Sie fahren aber in eine andere Richtung und landen dementsprechend auch woanders. Es gibt also eigentlich kein wahres, ganzheitliches Erlebnis. Alle sind auf ihre eigene Art ganzheitlich, eventuell nur nicht so ausgeprägt.

Der Inhalt macht den Unterschied

Es gibt, aus pädagogischer Sicht, schreckliche Inhalte da draussen, die sich selbst aber als solche verstehen. Es gibt aber auch solche, die sind so pädagogisch, dass es nur so trieft. Die goldene Mitte erreichen nur die wenigsten Inhalte. Egal ob Serie, Film, Influencer/Streamer oder Videospiel. Es gibt in jeder Kategorie aber durchaus Kandidaten, die nah dran sind. Was man dabei selbst für die goldene Mitte hält und welche Inhalte für ein Kind „das Richtige“ sind, ist subjektiv und sollte auch jedem selbst überlassen sein. Ich persönlich bin grosser Fan vom Zauberschulbus, egal ob alte oder neue Auflage. Natürlich bin ich auch Fan von Minecraft. Ich bin aber auch Fan von Counter-Strike und League of Legends. Von Mathe mit Fortnite und Starcraft. Von Deutsch mit einem Wettbewerb auf 10fastfingers.com.

Begleiten, begleiten, begleiten...

Nehmen Sie die Emotionen und Stimmungen, die Ihr Kind davor, während oder danach, empfindet, mit! Auch hier hat jeder seine Grenze. Kindlicher Bewegungsdrang auf dem Sofa? Ninjakampf nach der nächsten Folge? Vulkan basteln? Malen? Das Brettspiel zur Serie spielen? Das Hörbuch gemeinsam hören? Ein Buch zum Thema der Folge ansehen? Je nach Altersabschnitt und Interessen kann das variieren aber es funktioniert. Egal was Sie machen, machen Sie es möglichst ganzheitlich. Denken Sie aktiv darüber nach und entscheiden Sie immer wieder für sich selbst, ob Sie sich als Einhorn verkleiden, mit der Playmobil Feuerwehrstation spielen oder ein Ausmalbild ausdrucken wollen.

Wichtig ist nur: Sie müssen den Inhalt kennen, mit dem sich Ihr Kind beschäftigt.  

Kai ist rot, Rubble ist der Hund mit dem Bagger, eine ferne Welt, doch sie scheint so nah und jetzt flieg ich durch den Wind von Centopia… Ohne zu wissen, was ihrem Kind gefällt und was die Inhalte vermitteln, können Sie damit auch nicht arbeiten. Lassen Sie es sich erklären, zocken Sie eine Runde mit. Sie müssen kein/e Experte/in werden aber sich ein kleines 1×1 antrainieren. Sonst gehören Sie nicht dazu.

Gandalf sagte mal: „Möge die Macht mit dir sein, Harry!“ 

In diesem Sinne, bleiben Sie Gesund!